Die Karte vor dir und die Karte in deinem Kopf.

Denke an Afrika und Grönland. Welches Größenverhältnis fällt dir spontan ein? Halte deine Vermutung fest, bevor du Zahlen nachschlägst. Diese kleine Aufgabe trennt zwei Dinge, die in der Debatte oft vermischt werden: das Bild auf einer Karte und dein Wissen über die Erde.

Auf Mercator nimmt der Flächenmaßstab mit der geografischen Breite zu. Das ist eine Eigenschaft der Projektion. Eine kognitive Karte ist hingegen eine innere räumliche Vorstellung. Um ihre Struktur zu untersuchen, braucht man Aufgaben mit Menschen; ein beeindruckendes Vorher-nachher-Bild genügt dafür nicht.

Belege zum Abschnitt[1][3]

Das kleine Kartenlabor

Wie viel Afrika steckt in deiner Vorstellung?

Schätze, wie oft Grönlands gesamte Fläche in die Fläche Afrikas passt. Verschiebe den Regler und decke dann das Verhältnis auf.

AfrikaGrönland
Quadratflächen im Verhältnis; keine Länderumrisse. Die Seitenlängen ändern sich mit der Quadratwurzel des Flächenverhältnisses.

Was tatsächlich untersucht wurde.

Battersby und Montello untersuchten 2009 in zwei Studien numerische und grafische Flächenschätzungen. Die Antworten entsprachen nicht einfach den Flächen einer Mercator-Karte. Die Autoren fanden wenig bis keinen entsprechenden Projektionseinfluss; allgemeine Muster des Größenschätzens erklärten die Ergebnisse besser.

Lapon, Ooms und De Maeyer analysierten 2020 einen weltweiten Online-Test. Auch dort spiegelten die Schätzungen keine einzelne Projektion wider, obwohl die Darstellung mit der Genauigkeit zusammenhing. Beide Arbeiten sprechen gegen die pauschale Behauptung, unser Gedächtnis kopiere Mercator unverändert.

Belege zum Abschnitt[1][2]

Drei Fragen, drei Arten von Belegen.

Ist die Darstellung verzerrt? Das lässt sich geometrisch berechnen. Schätzen Menschen Größen anders ein? Dafür braucht es Wahrnehmungs- oder Gedächtnisaufgaben. Ändert das politische Entscheidungen? Dafür wären wiederum Untersuchungen dieser Entscheidungen nötig.

Ein Ergebnis auf einer dieser Ebenen beantwortet die anderen nicht automatisch. Wer eine politische Wirkung behauptet, sollte zeigen, welche Entscheidung gemessen wurde, wer teilnahm und welche anderen Erklärungen geprüft wurden. Die hier besprochenen Flächenschätzungen sind dafür kein direkter Nachweis.

Belege zum Abschnitt[1][2][3]

Warum die Versuchsanordnung zählt.

Eine isolierte Länderform, eine beschriftete Weltkarte und eine freie Zeichnung stellen unterschiedliche Aufgaben. Vorwissen, die gewählten Vergleichsregionen und die Art der Antwort können das Ergebnis verändern. Bei einem offenen Online-Test ist zudem die Teilnahme selbst gewählt: Eine große Stichprobe ist nicht automatisch repräsentativ für alle Menschen.

Das sind Gründe, Ergebnisse sorgfältig einzuordnen. Aus einem fehlenden starken Effekt folgt keine völlige Wirkungslosigkeit von Karten. Umgekehrt beweist ein Zusammenhang noch nicht, dass langjährige Nutzung einer bestimmten Projektion die Ursache ist.

Belege zum Abschnitt[1][2]

Was du beim nächsten Kartenvergleich tun kannst.

Notiere erst deine Erwartung. Vergleiche danach eine flächentreue Karte mit Zahlen und einer anderen Projektion. Formuliere getrennt: Was hat sich auf dem Bildschirm verändert? Was habe ich neu gelernt? Was kann dieser Versuch überhaupt nicht beantworten?

Unser Experiment ist eine Lernübung. Es erhebt keine Forschungsdaten und misst weder Intelligenz noch politische Einstellungen. Sein Zweck ist ein besserer Umgang mit Karten: Vermutungen sichtbar machen, prüfen und bei Bedarf korrigieren.