Eine Kugel hat keinen oberen Seitenrand.

Geografisch bestimmen die Rotationsachse der Erde und der Äquator Nord und Süd. Daraus folgt aber nicht, welche Richtung am oberen Rand eines Blattes stehen muss. Ein Globus kann unterschiedlich gehalten werden; eine Karte bekommt ihre Ausrichtung durch eine gestalterische Entscheidung.

Schalte in unserem Experiment zwischen Nord-oben und Süd-oben um. Suche zuerst Australien, dann Europa. Achte darauf, ob die Suche länger dauert. Diese Beobachtung beschreibt deine Vertrautheit mit einer Ansicht, keine Veränderung der Geografie.

Belege zum Abschnitt[1]

Das kleine Kartenlabor

Die gleiche Welt. Ein anderer Blick.

Ändere erst die Ausrichtung, dann das Zentrum. Suche Australien und Europa. Was bleibt geografisch gleich?

Norden oben · Greenwich · 0°

Equal Earth · sphärisches Modell · Natural Earth 1:110 Mio. Die Flächenverhältnisse bleiben erhalten. Beim Wechsel des Zentrums verändern sich Kartenränder und lokale Formen.

Ausrichtung und Zentrum sind verschiedene Entscheidungen.

Eine Drehung um 180° verändert die Orientierung des Kartenblatts. Das Verschieben des Zentralmeridians verändert dagegen, wo die Weltkarte geteilt wird und was in ihrer Mitte liegt. Im Pazifik zentrierte Ansichten können Asien und Ozeanien gemeinsam hervorheben.

Das Experiment behält Equal Earth als Projektion bei. Die Flächen bleiben deshalb proportional; Form und Anordnung im Kartenbild können sich beim Wechsel des Zentrums ändern. Orte, die an den Rand wandern, sind nicht tatsächlich weiter voneinander entfernt.

Belege zum Abschnitt[1][2]

Was psychologische Experimente beitragen.

Gagnon und Kollegen untersuchten 2011 implizite Verknüpfungen von Raum und sozialem Status. In Reaktionszeitaufgaben wurden unter anderem Kombinationen von Norden und hohem Status schneller zugeordnet als gegensätzliche Paarungen. Eine weitere Versuchsanordnung hielt die Aufmerksamkeit in der Bildschirmmitte.

Das ist ein Befund zu Assoziationen in bestimmten Aufgaben. Er beweist nicht, dass Nord-oben-Karten politische Ungleichheit verursachen oder dass eine gedrehte Weltkarte Vorurteile beseitigt. Zwischen einer schnellen Zuordnung im Experiment und einer gesellschaftlichen Entscheidung liegen weitere Fragen.

Belege zum Abschnitt[3]

Eine kurze Übung zum Perspektivwechsel.

Betrachte eine Minute lang die Süd-oben-Ansicht, ohne sofort zurückzuschalten. Beschreibe danach drei Nachbarschaften: Südamerika und Afrika, Asien und Australien, Nordamerika und Grönland. Was bleibt gleich, obwohl das Bild ungewohnt wirkt?

Wechsle anschließend nur das Zentrum. So lässt sich unterscheiden, welcher Effekt von der Drehung und welcher von der Kartenteilung kommt. Verändere möglichst eine Einstellung nach der anderen, wenn du ihre Wirkung verstehen möchtest.

Auch eine neue Ansicht braucht klare Angaben.

Eine Süd-oben-Karte sollte ihre Ausrichtung erkennbar machen und Ortsnamen lesbar setzen. Für unsere unbeschriftete Lernkarte genügt eine Drehung mit Richtungsanzeige. Eine professionell gesetzte Wandkarte erfordert dagegen eine angepasste Beschriftung; die Originalausgaben von Tom Patterson zeigen solche Fassungen.

Andere Ansichten erweitern das Repertoire. Beim Lesen einer Karte bleiben ihre Orientierung, Projektion, Daten und ihr Zweck die entscheidenden Fragen.

Belege zum Abschnitt[1]